Nüchtern betrachtet, hat ein Trauernder laut dem amerikanischen Psychologen und Pionier der Trauerforschung William J. Worden vier Aufgaben:
- Er muss den Verlust als Realität akzeptieren,
- den Trauerschmerz durchleben,
- sich daran gewöhnen, das der Verstorbene fehlt
- und schließlich der/dem Verstorbenen einen neuen Platz zuweisen und weiterleben.
Nüchtern betrachtet.
Doch wer kann das Leben angesichts der Tatsache, dass ein geliebter Mensch nicht mehr da ist, schon nüchtern betrachten?
Emotionale Ausnahmesituation
Ein Todesfall bedeutet für alle Beteiligten immer eine emotionale Ausnahmesituation mit der jeder anders umgeht – je nach eigener Erfahrung, eigener Persönlichkeit und auch dem eigenen Lebensalter. Kinder können meist keines der vier Dinge begreifen.
Erwachsene müssen sich oft dazu zwingen, schaffen es aber in den meisten Fällen.
Und Jugendliche? „Die stecken meist in einer besonders prekären Situation“, sagt Hannes Wechner. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Theologe mit Trauerpastoral speziell für Jugendliche und hat vor einigen Jahren gemeinsam mit Magdalena Reinthaler auch ein Buch dazu geschrieben.
Jugendlichen passt der Tod so gar nicht ins Konzept, so Hannes Wechner: „Es gehört zu ihrem Lebenskonzept das Leben auszukosten, zu genießen, intensiv zu spüren. Ein Todesfall erschüttert dieses Konzept in fundamentaler Art und Weise. Da stehen sie dann, zerrissen zwischen dem Gefühl todtraurig zu sein über den Verlust und dem Wunsch, Spaß zu haben und das Leben zu genießen.“
Jugendliche sind keine Erwachsenen
Als Reaktion auf diese Zerrissenheit legen Jugendliche dann vielfach Verhaltensweisen an den Tag, die völlig unpassend wirken. „Jugendliche sind, wenn man es sich genau überlegt, in ihrer Trauer oft so, wie sie sonst auch sind: In Abwehrhaltung und Opposition gegen alle Konventionen“, sagt Hannes Wechner.
Überspitzt formuliert: Etwas tun, nur weil es alle tun? Sicher nicht. Ans Grab gehen? Keine Lust. Die Einladung zur Party nicht annehmen und zuhause bleiben? Niemals. Leise sprechen, nur Gutes über den Verstorbenen sagen? Warum?
„Die unmittelbare – erwachsene – Umgebung der Jugendlichen kann mit diesen Reaktionen meist nur schlecht umgehen“, sagt Hannes Wechner. Demnach wird zwar Kindern Nicht-in-die-Norm-passendes-Verhalten im Zusammenhang mit einem großen Verlust ja noch zugestanden, Jugendlichen aber eher nicht. „Den meisten wird attestiert, gar nicht zu trauern oder sogar den Trauerprozess schon abgeschlossen zu haben.“
Formen der Trauer
Jugendliche werden von den meisten Erwachsenen behandelt, als wären sie Erwachsene. „Aber das sind sie nicht“, betont Hannes Wechner. „Jugendliche suchen sich ihre Form von Trauer. Die kann laut sein, intensiv, impulsiv und verstörend, die Grenzen auslotend, dann aber wieder so, als wäre nichts gewesen.“
Und vor allem: Sie kann neben dem „normalen“ jugendlichen Leben existieren. „Ein Jugendlicher kann mit großer Ernsthaftigkeit an einem Trauerritual teilnehmen und danach auf eine Party gehen und sich darüber freuen – so ticken Jugendliche“, sagt Hannes Wechner. Und gerade weil sie so „ticken“, brauche es besonders viel Fingerspitzengefühl.
Jugendliche nicht alleine mit der Trauer lassen
Keine gute Idee ist es, Jugendliche mit ihrer Trauer alleine zu lassen. Jugendliche brauchen Menschen, die mit viel Gespür auf sie zugehen, ohne sie zu überfahren, sie zu überfrachten, eine Extraportion Verständnis, Offenheit und Ehrlichkeit. „Menschen, die zuhören, nicht beurteilen. Menschen, die die richtige Sprache finden, Dinge nicht beschönigen, sondern beim Namen nennen. Vielleicht sogar fragen, was sie gerne hätten und sie nicht einfach mit irgendwelchen Hilfsangeboten überschütten“, sagt Hannes Wechner.
Wer diese Menschen sind, sei von Fall zu Fall unterschiedlich. Manchmal seien das die Eltern, wenn sie nicht gerade selbst von Trauer übermannt sind. Manchmal könnten Lehrer helfen, manchmal Jugendleiter oder Pastoralassistenten. Als eine große Unterstützung gelten in den meisten Fällen die Freunde. „Jugendliche tauschen sich oft lieber mit Gleichaltrigen aus“, so Hannes Wechner: „Dort finden sie die Art von Verständnis und Stabilität, die sie brauchen.“
Was er jedem, der mit trauernden Jugendlichen zusammentrifft ans Herz legen möchte, ist: „Die verschiedenen Arten der Trauer, die ungewöhnlichen Wege, die Jugendliche in ihrer Trauer gehen, zu akzeptieren. Aufpassen muss man nur, ob die ungewöhnlichen Wege nicht in selbstzerstörerischen Handlungen münden und die Jugendlichen anders Hilfe brauchen. Doch bis dahin gelte bei Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen: Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern“.